Diakonie Stadtmission Zwickau e. V.
Brücke zum Leben

Trägerübergreifende Stellungnahme der Zwickauer Streetworker zur aktuellen Entwicklung im Zuge rechtsterroristischer Geschehnisse


Das Schreiben wurde am 09.12. der Oberbürgermeisterin vorgelegt und kann am Ende des Artikel herunter geladen werden.


Seit der Enttarnung rechtsterroristischer junger Menschen mit Wohnort in Zwickau steht die Stadt im Fokus der Öffentlichkeit. Bundesweite Schlagzeilen sprechen vom „Zwickauer Terror-Trio“. Sehr oft kommen wir Streetworker der Stadt Zwickau mit Menschen in Kontakt, die an dieser Stelle Gesprächsbedarf zeigen. Zu unseren Aufgaben gehört es, die Stimmungen von der Straße aufzunehmen. Hier spüren wir, dass Medieninformationen und Alltagserleben von jungen und erwachsenen Bürgern dieser Stadt nicht identisch überein stimmen. Was auf der einen Seite so klingen mag, als grassiere in Zwickau eine „braune Gefahr“, stellt sich im Alltagserleben der Menschen viel differenzierter dar. Die Stimmung ist nicht aggressiv. Wir Streetworker nehmen eine große Zahl von Menschen wahr, die sich positiv mit ihrer Stadt identifizieren. Zum Geschehnis selber lassen sich viele Meinungen beschreiben von jungen Menschen, die sich eher links oder eher rechts oder ganz wo anders positionieren. Radikalisierungen sind in diesen Gesprächen selten zu hören.

Wir erleben derzeit eine Stadt Zwickau, deren demokratisches Fundament nicht wackelig ist. Im Gegenteil: wir erleben sehr, sehr viele Menschen, die die begangenen Taten klar verurteilen und ihre Stadt Zwickau nicht ins RECHTE Licht gerückt wissen wollen. Dennoch ist es erforderlich, dass wir uns als Bürger dieser Stadt (wie auch als Bürger aller anderen deutschen Städte) Gedanken machen müssen. Wir wollen die Problematik nicht oberflächlich und nicht zu kurzatmig betrachten. Eine Mahnwache, eine Demo, ein Konzert in Jena mit über 40.000 Menschen, sind sicher sehr wichtige Zeichen gegen Radikalität und Terror. Dennoch dürfen wir nicht meinen, damit einen entscheidenden Schritt gegen rechtsradikales Denken unternommen zu haben. Konzerte und Demos sind kein Alltag, sondern lediglich nötiger Aufschrei. Sie haben evtl. Signalwirkung, bieten aber keine nachhaltigen Lösungen.

Zwickauer Jugendliche sind oftmals in ihrer Heimat verwurzelt, sind traditionell orientiert. Sie wollen, wenn möglich in der Stadt bleiben und sich hier mit ihren Ideen und Freundeskreisen verwirklichen. Wir erleben nicht, dass die jungen Menschen dieser Stadt in Größenordnungen rechtsorientiert sind. Wir registrieren aber in inner- und außerstädtischen Regionen durchaus gewaltbereite Jugendliche mit fundierten rechten Meinungen. Solche Tendenzen sind definitiv vorhanden. Generell sind dies alles aber Kinder dieser Stadt, Kinder aus unseren Familien, nicht Kinder eines braunen Sumpfes, der anonym in Erscheinung tritt. Und wir registrieren, dass Redebedarf bei Jugendlichen besteht. Manchmal sofort, mitunter erst nach anfänglichem Zögern. Hier ist unser Handeln, unser Dranbleiben gefragt.

Was erscheint uns in diesem Zusammenhang in der gegenwärtigen Situation als hilfreich und angemessen? Aus Sicht von Streetwork haben wir auf der Straße einen aufmerksamen Blick und ein offenes Ohr. Wir hören auf das, was die Menschen uns zu sagen haben und wir stellen selbst Fragen und machen Dinge bewusst:

  • Wir treffen auf Menschen mit demokratischem Verständnis, die kopfschüttelnd die Taten kommentieren und Aussagen der Verachtung darüber tätigen.
  • Wir treffen auf linksorientierte Jugendliche und treten in Verständigung. Wir „werben“ dafür, jetzt nicht irgendwelche unüberlegten Taten zu verüben, die ihrerseits Gewalt erzeugen.
  • Wir treffen in Zwickau auf Menschen, die einen „braunen Sumpf“ in dieser Stadt wittern und haben die Aufgabe, ein tatsächliches, ein authentisches Bild von Zwickau zu zeichnen.
  • Wir treffen auf Jugendliche mit offener rechter Gesinnung oder versteckt braunen Tendenzen. Das erschreckt mitunter. Mit diesen wollen wir ins Gespräch kommen. Wir hören zu, wir erfahren persönliche Hintergründe, warum so gedacht wird. Wir sind offen für Austausch und bieten durch unsere persönliche und fachliche Haltung eine Reibefläche. Wenn extrem denkende junge Menschen nach Konfrontation suchen, dann wollen wir die ersten sein, die dafür bereit sind. Wir setzen uns dem aus, achten jeden Menschen und versuchen ihn zu solidarischem Zusammenleben zu gewinnen. Wir schaffen Begegnungen auf angemessene Art und Weise.

In der Züricher Zeitung war unlängst ein Artikel zum Umgang mit extremen Orientierungen zu lesen: „Große Nähe und wirkliches Interesse an extremen Menschen, entzieht ihnen die Chance zur Gewalt“, so ein Zitat. Durch Anwesenheit und ständige Präsenz wirken wir Streetworker deeskalierend. Die Beziehungen zu extrem denkenden jungen Menschen erscheinen immer wieder als Chance für Verständigung und Veränderung. Wir nehmen ernst, lassen Menschen sich erklären und wir gehen darauf ein. Die Tür hin zu demokratischem Verständnis und solidarischem Miteinander in der Gesellschaft muss offen bleiben. Insofern müssen auch Parolen wie „Nazis raus“ kritisch geprüft werden. Nicht die Menschen müssen raus aus ihrem Land, sondern ihr Denken - ein Denken das krank macht, Angst erzeugt und das Miteinanderleben erschwert, muss mit ihnen thematisiert und verändert werden. Mit diesem Thema müssen auch Politik und Gesellschaft sachgerecht umgehen. Auf der einen Seite ist es nicht erträglich, wenn junge Nazis für altes Denken demonstrieren. Auf der anderen Seite müssen wir uns im gesellschaftlichen Dialog diesen Menschen stellen. Welche positiven Identifikationsmuster mit ihrem Vaterland können wir ihnen anbieten?

Insofern wird es auch wichtig sein, den öffentlichen Raum wieder mit mehr Präsenz zu belegen. Bürger dieser Stadt, Streetworker, engagierte Menschen mit Zivilcourage gehören dringend zum Alltagserleben in einer Stadt. Hier geschieht Austausch, Konfrontation und soziales Miteinander. Hier geht es um Gespräch, offene Ohren und um das Aufzeigen von alternativen Lebensweisen. Entwicklungen sind zu betrachten. Wir müssen uns Zeit nehmen, um Prozesse sozialen Miteinanders zu gestalten. Streetwork kann junge Menschen coachen, hin zu einem selbst bestimmten Leben. Es gilt, diese Menschen als Individuen zu sehen und nicht als Objekte, die stören, die auffallen, die es „in die Wüste“ zu schicken gilt. Wir müssen diese jungen Menschen ernst nehmen, aufmerksam sein, mit offenen Augen durch die Welt gehen und integrieren.

Das Thema extremistisches Denken ist prinzipiell kein völlig Neues, sondern seit Jahren präsent: Die Wahlerfolge der NPD, deren Büro in der Stadt oder rechte Wohngemeinschaften. Wir treffen auf kein neues Phänomen und wir möchten vor Aktionismus bewahren. Durch Schnellschüsse erzielen wir wenig Wirkung. Wir empfehlen Schulklassen mit ihren Schülern zu Besuchen von Buchenwald, Auschwitz, dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände oder des Berliner Stehlen- Mahnmal für die Holocaustopfer. Hier geschieht Auseinandersetzung zum Thema und hier muss es Diskussionen geben, die Menschen reifen lassen.

Wir Streetworker werden uns weiterhin in unserer Kompetenz im öffentlichen Raum daran beteiligen, verlässliche und stabile Strukturen in der Öffentlichkeit und im Bewusstsein der Menschen zu schaffen. Dazu gehört es auch, dass wir Menschen akzeptieren, unabhängig von Gesinnung und politischer Einstellung. Da setzen wir an, unterstützen ihren Lebensalltag mit Schule, Ausbildung, Job und das Gelingen der ersten festen Beziehung. Wir helfen jungen Menschen, hier in unserer Stadt eine feste Bleibe und eine wirkliche Perspektive zu finden. Irgendwelchen Verdüsterungen erteilen wir eine glatte Abfuhr. Zwickau war und ist eine sehr lebenswerte, Chancen bietende Stadt, die Menschen verschiedenster Herkunft sehr willkommen heißt.


Die Streetworker der Stadt Zwickau


Blaues Kreuz Deutschland e.V., Sandra Mühle & Christoph Ullmann, Zwickau Süd, West, Randgebiete

Gemeinsam Ziele Erreichen e.V., Susann Wenzel & Alexander Beuschel, Zwickau Nord, Ost, Randgebiete

Stadtmission Zwickau e.V., Ines Kahl & Elfried-Ralf Börner, Zwickau Mitte, Süd-Ost Randgebiete


Zwickau im Dezember 2011


 
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